Offener Brief

München, 21.03.2018

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,
sehr geehrte Frau Bundesministerin Anja Karliczek,
sehr geehrter Herr Staatsminister Bernd Sibler,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin Carolina Trautner!

Nach der Bundestagswahl im September 2017 und dem sechsmonatigen Ringen um eine Regierung, hat Deutschland jetzt wieder die große Koalition bekommen. Ich sag es ganz offen: „Schade!“ – aber wir schaffen auch das! Für den viel beschworenen Neuanfang und die großen Herausforderungen, insbesondere durch die Digitalisierung, hätte ich mir eher eine Jamaikakoalition oder zur Not auch eine Minderheitsregierung gewünscht.

Ein großes Thema im Koalitionsvertrag ist die Bildung. Gut so! Auch bei uns zu Hause spielt das im Moment die Hauptrolle. Als Vater dreier Söhne im Alter von 1 bis 9 Jahren und Unternehmer, Inhaber einer Internetagentur, studierter Dipl.-Ing. (FH) Medientechnik, vereinen sich die voranschreitende digitale Transformation und die heranwachsende nächste Generation ganz natürlich am Küchentisch. Ich engagiere mich bei den Websites von Schule, Kindergarten und Sportverein. Die Kinder fordern ihrerseits Teilhabe an den modernen Medien.

Gleichzeitig scheinen mir Politik, Verwaltung und Rechtsprechung weltfremd. Die sogenannte dritte Gewalt im Land, die Journalisten, schüren nur Ängste, und die wichtigen Diskussionen werden selbsternannten Experten und Populisten überlassen – während die Big Five (Amazon, Google, Microsoft, Apple, Facebook) aus dem Silicon Valley ungestört die (digitale) Weltherrschaft an sich reißen. Aber ich will im Folgenden kein Untergangsszenario an die Wand malen, ganz im Gegenteil: Ich will Ihnen Mut machen, dass Sie unserer Gesellschaft den Weg ins Neuland bahnen. Heben Sie den Stab und teilen Sie das Meer, das vor uns liegt – trotz aller Unwahrscheinlichkeit!

Chancenland

In einem Artikel der ZEIT N°12 schreibt Manuel J. Hartung „Das klappt nur, wenn sich die Schulen radikal ändern.“ Recht hat er, lesen Sie seinen Artikel und handeln Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren. Besonders wichtig ist mir hierbei die von Hartung zitierte Aussage des Chefs von Alibaba, dem chinesischen Amazon-Klon: „Schüler sollten vor allem das lernen, wodurch sie sich von Maschinen unterscheiden: Teamarbeit, Kunst, Musik.“ Und was hat mein Sohn bisher in seinen drei Grundschuljahren gelernt? Schon jetzt ist er von Schule enttäuscht. Sein Lieblingsfach WG (Werken und Gestalten). Im Fußballverein lernt er zumindest den Teamgeist, hoffentlich – oder doch wieder nur das Recht des Stärkeren?

Kunst, Musik und Sport

Wollen wir aus unseren Kindern Maschinen machen, die funktionieren oder Menschen, die selbständig denken können? Ein ganz ähnliches Zitat wie das obige von Jack Ma (ein Zufall) begleitet mich schon seit über einem Jahr und ich kann Ihnen nur zurufen: Hören Sie, haben Sie Mut und handeln Sie! Professor Harald Lesch denkt laut in der Sendung Die Welt in 100 Jahren: „Ich bedaure, dass viel zu wenig Kunst, Musik und Sport unterrichtet wird – weil das sind die wesentlichen Fächer in der Schule, die die Kreativität der Kinder so stark beeinflussen wie nichts sonst. Kinder, die sportlich sind, die Musik machen, die Lust haben Theater zu spielen, was zu malen – bildende Kunst… – das werden Gehirne sein, die in Zukunft auf Fragen, die noch keiner weiß heute, entsprechend reagieren können.“

Zu einem ganz ähnlichen Schluss kommt der Film „Alphabet – Angst oder Liebe?“ von Erwin Wagenhofer. Der Film sollte vor jedem Schuljahr verpflichtend von allen Eltern und Lehrern angeschaut werden. Denn was erlebe ich schon jetzt im dritten Schuljahr? Die Gespräche werden von der Angst der Eltern geprägt, dass ihr Kind nicht den Sprung aufs Gymnasium schaffen könnte. Angst oder Liebe? Und die Kinder spüren das, bekommen selbst Angst. Dabei ist unbestritten das freie Spiel der beste Lehrmeister. Empfohlen sei hier allen interessierten Lesern das Buch „Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben“ von André Stern.

Spielend lernen

Was könnte die Politik ganz einfach machen, was schnell geht und auch nicht viel Geld kostet? Der Umbau unserer Schulen, allen voran der Kindergärten und Grundschulen, ist dringend und nicht aufzuschieben. Aber, da muss man realistisch bleiben, er wird Zeit und viel Geld benötigen. Wo aber können wir unseren Kindern kreativen GestaltungsSPIELraum einrichten?

Hier in unserem Viertel gibt es mindestens zwei Objekte, die wohl in absehbarer Zeit abgerissen und neu gebaut werden. Jetzt und schon seit Jahren sind die Räume ungenutzt. Ich würde dort gerne eine kreative Werkstatt einrichten. Freiwillige Eltern, Rentner oder Studenten werden sich bestimmt finden: dort können die Kinder nach Herzenslust kleksen, Wände bemalen, Handwerken und Basteln. Wenn noch ein Garten dabei ist, könnten sie auch pflanzen und ernten. Ich wünsche mir eine Zwangsenteignung auf Zeit. Bis die Bagger anrücken, können die Kinder die Ruine oder das Brachland in ein Paradies verwandeln. Ansonsten gibt es bestimmt auch Möglichkeiten der öffentlichen Hand. Warum können nicht in Parks auch Flächen für Beete und Obstbäume geschaffen werden? Grünflächen gibt es viele und vielleicht auch ungenutzte Verwaltungs- und Schulräume.

Von Angst getrieben

In meinem Beruf erlebe ich es immer wieder, dass ich zu Handlungen gedrängt werde, deren Auslöser die Angst ist und nicht die Liebe. Mein Ziel ist es schöne, kreative, vielleicht sogar für die Kunden nützliche Webseiten oder Software zu erschaffen. Ich liebe meinen Beruf und auch die damit verbundene Freiheit. Kunden und Geschäftspartner wollen das aber meistens nicht, ihnen geht es um die Abwehr von Ängsten und darum den jeweils anderen in eine Abhängigkeit zu manövrieren. Es geht selten um fundiertes Wissen, sondern meistens um das Vertiefen von Halbwahrheiten. Denn damit lässt sich Geld machen, und es hat den Anschein, als ob nur Besitz zählt, auch wenn schon mehrfach die „Share-Economy“ ausgerufen wurde.

In der Landwirtschaft haben wir schon lange erkannt, dass Monokulturen und Massentierhaltung weder der Umwelt zuträglich sind noch dem Menschen. Eine vielfältige Ernährung hält den Menschen gesund und was fordert Alvar Freude auf heise.de in seinem Kommentar zum Bundeshack: „Schluss mit Schlangenöl und Monokultur!“? Vielfalt. Ja, es ist so einfach! Wir können nicht das Sterben der kleinen Läden um die Ecke bedauern und gleichzeitig dem reichsten Mann der Welt Jeff Bezos, dem Gründer von amazon, sein Geld neiden. Wir können nicht die Unsicherheit des Internets beklagen und gleichzeitig unserem Nachwuchs zum 1. Schultag ein iPhone schenken, um immer über seinen Standort informiert zu sein. Wollen wir allen Ernstes von einer Schulwebsite 100% Erfüllung eines wie auch immer ausgelegten Datenschutzes verlangen und Facebook kann tun und lassen was es will?

Für uns alle ist das Internet Neuland. Geschenkt! Das heißt aber auch wir sind alle Pioniere und dürfen das Land für uns entdecken und fruchtbar machen. Zentrale Gedanken für eine gelingende Landnahme sind eng mit den Urprinzipien des Internet verbunden: Open Source und Dezentralisierung. Damit müssen die einzelnen Schulen mehr Freiheiten bekommen neue Wege auszuprobieren und entwickelte Konzepte müssen wiederum der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

10 Forderungen für eine digitale Erziehung

  • Jede Schule erhält ein Medienbudget zur freien Verwendung. Es sollen damit ausschließlich lokal ansässige Unternehmen bezahlt werden, die die Schule in Sachen Hard- und Software Ausstattung beraten. Die Klassen sollen frei bei der Anschaffung sein, Schüler in den Prozess mit eingebunden werden.
  • Ziel ist eine möglichst große Vielfalt und Förderung kleiner und innovativer Ansätze. Die Betreuung und Lehrtätigkeit erfolgt in Projektwochen durch Lehrer, Eltern und externe Fachleute.
  • Die Webseiten der Schulen sollten von den Kindern im Rahmen des Unterrichts selbst erstellt werden. Das Hosting sollte möglichst lokal und klimaneutral erfolgen, verbunden mit regelmäßigen Exkursionen zum Rechenzentrum.
  • Mit jedem Schuljahr soll ein Schüler mindestens eine Programmiersprache lernen.
  • Eine Ausweitung des praktischen Unterrichts unter Hinzunahme lokal ansässiger Handwerksbetriebe kann vielfältige Synergien schaffen und den Fachkräftemangel vor Ort lindern helfen. Schüler könnten den Betrieben bei der Digitalisierung helfen und im Anschluss an die Schule, selbst bei diesen eine Ausbildung machen oder sich vor Ort eine eigene Selbständigkeit aufbauen.
  • Recherchieren im Internet und Überprüfen der Quellen muss im Unterricht täglich eingeübt werden. Werbeversprechen müssen besprochen und wenn möglich wiederlegt werden. „Wem nützt etwas?“ sollte immer als Frage die Richtschnur sein und „Wer bezahlt den wahren Preis?“. z.B. Handys für 0 €. Werbung in digitalen Medien muss konsequent enttarnt werden!
  • Arbeitsblätter und Prüfungsaufgaben sollten im Unterricht digitalisiert und gestaltet werden und einer allen Bildungseinrichtungen weltweit zugänglichen Datenbank zugeführt werden. Kinder sollen sich eigene Themen erarbeiten und digital für andere Kinder aufbereiten, als Film, Ton, Bild oder Textdatei.
  • Das Urheberrecht sollte immer wieder gelehrt werden, allerdings für Bildung und Wissenschaft (Non-Profit) keine Rolle spielen dürfen. Filme, Bilder und Texte aus dem Internet dürfen selbstverständlich genutzt und für den Unterricht verwendet werden. Die Neuregelung (Paragraf 60a bis 60f) des Urheberrechtsgesetzes geht da bereits in die richtige Richtung und sollte auch nach 2023 bestehen bleiben bzw. noch ausgebaut werden, z.B. keine Einschränkung für Presseartikel.
  • Vereidigte Gutachter überprüfen regelmäßig die Sicherheit der Daten und Netzwerke. Eine Zertifizierung der Schule gibt Auskunft über die handwerkliche Qualität und die Einhaltung von Standards.
  • Das Internet sollte als Ort an dem man Gesicht zeigen und Farbe bekennen kann erlebt werden und nicht als anonyme Parallelgesellschaft. Unsere Demokratie lebt vom offenen Umgang und der freien Meinungsäußerung. Wer keine Gesichtsschleier auf der Straße will darf kein Bilderverbot im Internet fordern.

Ich freue mich über eine lebhafte Diskussion mit Klarnamen hier im Kommentar und zahlreiche Antworten und weiterführende Ideen für eine liebevolle digitale Erziehung!


Martin Sell

 


Verwendete Quellen:

Damit sich bei ggf. veränderten Links oder gelöschten Artikeln die verwendeten Zitate weiterhin in ihrem Kontext nachlesen lassen, erlaube ich mir die Quellen als Fremdmaterial in Kopie zu übernehmen. Die Urheber werden darüber informiert und um ihr Einverständnis gebeten.

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